05/03/2023
 6 Minuten

Pro & Contra: Sollten Sie Ihre Uhr verkaufen oder behalten?

Von Chrono24
Rolex-2-1

Uhr verkaufen oder nicht? Ob man sich gelegentlich auch von hochwertigen Armbanduhren trennen sollte, daran scheiden sich die Geister. Dabei gibt es viele Gründe, warum man seine Uhren verkaufen könnte. Möglicherweise möchte man den Erlös einer alten Uhr in ein höherwertiges Modell investieren. Vielleicht wird das Geld aber auch an anderer Stelle benötigt und manch einem wird klar, dass man Uhren nicht essen kann. Nicht selten gefällt das einstige Objekt der Begierde auch einfach nicht mehr und fristet ein unwürdiges Dasein in der überfüllten Uhrenbox.

Vielen leidenschaftlichen Uhrensammlern würde allerdings das Herz bluten, müssten sie sich auch nur von einem ihrer uhrmacherischen Schätzchen trennen. So kommt es nicht selten vor, dass Uhrensammler vor der kniffligen Frage stehen: Ausrangierte Uhren verkaufen oder lieber doch nicht?

Unsere Autoren, Sebastian Swart und Pascal Gehrlein, haben für beide Seiten Argumente gesammelt.

Was machen, wenn die Uhr zu wenig „wrist time“ bekommt?

Sebastian: „Uhren, die nicht getragen werden, dürfen mich gerne wieder verlassen.“

Ich zähle mich eher zu der Kategorie der Jäger und Flipper, daher handle ich oft nach dem Motto „the hunt is better than the catch“. Dieser Spruch bedeutet, dass der Prozess des Suchens manchmal mehr Freude bereitet als das Erreichen des eigentlichen Ziels. Gefällt mir eine Uhr – egal welcher Preisklasse – nicht mehr und liegt zu lange in der Box, ist ihr Schicksal schnell besiegelt. Dann wandert sie eben auf einen der allseits bekannten Marktplätze.

Es gibt also viele Gründe, sich von einer Uhr wieder zu trennen. Betrachten wir einige von ihnen etwas genauer.

1. Verkaufen ist so normal wie kaufen

Vor allem am Anfang eines intensiv gepflegten Hobbys handeln viele Menschen nach dem Prinzip „trial and error“, was zu Deutsch so viel wie „Versuch und Irrtum“ bedeutet. Man probiert aus, experimentiert, lernt intensiv dazu. Das sollte bei Uhren nicht anders sein als bei vergleichbaren Hobbys. Es wird auch kaum jeder Autobegeisterte im mittleren Alter noch alle Fahrzeuge in der Garage haben, die er seit seiner bestandenen Führerscheinprüfung jemals gekauft hat.

Wie wichtig ist die Geschichte, die durch die Uhr transportiert wird?

2. Gier frisst Hirn – Impulskäufe müssen oft wieder gehen

Konnten auch Sie mal wieder nicht warten und mussten gleich zuschlagen? Viele von Ihnen kennen die Situation sicher genauso wie ich: Ein Hersteller präsentiert ein neues Uhrenmodell, das alle wichtigen Parameter einer Traumuhr erfüllt. Selbst fortgeschrittene Uhrenliebhaber erwischen sich immer wieder dabei, allzu schnell den vermeintlich perfekten Zeitmesser in den Warenkorb zu legen und den Kaufen-Button zu klicken. Das kann einem im stationären Handel natürlich nicht so schnell passieren, aber nicht jede schöne Uhr liegt bei einem Konzessionär in der Nähe herum. Oft ist die Freude nur kurz, bereits nach einigen Monaten kehrt eine gewisse Ernüchterung ein und das einst begehrte Schmuckstück verliert schlagartig seine Attraktivität. Da Uhren jedoch in erster Linie dazu gemacht wurden, um geliebt und getragen zu werden, ist es nun an der Zeit, das Modell gehen zu lassen.

3. Zu viele Uhren? Das Zeug muss weg!

Wenn Sie eine große Menge an Uhren besitzen, die Sie nicht tragen, war der Kauf schon wenig sinnvoll. Gott sei Dank sind den meisten Uhrenliebhabern unter uns finanzielle Grenzen gesetzt. Gäbe es diese Grenzen nicht, würden wir kaufen, kaufen, kaufen und dabei immer mehr teuren (Uhren)-Ballast anhäufen. Daher ist es durchaus sinnvoll, von Zeit zu Zeit innezuhalten und zu reflektieren, was man wirklich braucht und was nicht. Viele Uhrenbesitzer setzen sich daher auch bei der Anzahl ihrer Uhren übersichtliche Grenzen.

Wenn Sie mehr als zehn Uhren besitzen, lohnt sich durchaus einmal eine Inventur, vor allem dann, wenn bestimmte Modelle schon lange Zeit ungetragen vor sich hin dämmern. Meine persönliche Obergrenze liegt mittlerweile bei fünf Uhren.

Ab wann ist eine Sammlung überdimensioniert?

4. Ein neues Projekt wartet bereits

„Wegen eines neuen Projekts darf mich diese schöne Uhr wieder verlassen“. Diesen oder einen ähnlichen Satz haben sicherlich viele von uns schon einmal in einem Uhrenangebot gelesen. Tatsächlich scheint es so, als würden viele Uhrenliebhaber einst geliebte Schätzchen wieder ziehen lassen, um sich die nächste teurere Uhr leisten zu können. Für all jene, die eine tiefe emotionale Ebene mit ihren Uhren teilen, mag dies undenkbar sein, für den kühlen Rechner und Pragmatiker liegt der Verkaufsentschluss jedoch nahe. Warum also fünf ungetragene Mittelklasseuhren besitzen, wenn man mit deren Verkauf den Einstieg in die Oberklasse schaffen kann? Müssen neue Projekte also finanziert werden, dürfen die alten Projekte gerne wieder auf den Markt.

A Lange & Söhne Saxonia Thin
A. Lange & Söhne Saxonia Thin

5. Wert gestiegen? Rendite mitnehmen!

Während bei den oben genannten Verkaufsgründen eher emotionale Aspekte und Anerkennung im Vordergrund stehen, geht es bei der Mitnahme einer möglichst hohen Rendite ausschließlich um eine zutiefst menschliche Eigenschaft: Das Streben nach mehr – in diesem Fall nach mehr Geld. Uhren wurden im Laufe der vergangenen Jahre für einige Menschen auch Investitionsobjekte. Angeheizt durch die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken wurde das Gewinnstreben mehr und mehr in limitierte Güter wie Oldtimer, Immobilien oder eben auch Uhren übertragen.

Am Beispiel einiger Modelle bekannter Uhrenhersteller wie Rolex, Patek Philippe oder Audemars Piguet konnten wir in den vergangenen Jahren sehr gut beobachten, welchen Effekt die Nachfrage auf die Preisentwicklung im Uhrenmarkt hatte. Erst in den letzten Monaten hat sich der zum Teil „überhitzte“ Markt etwas entspannt und wurde nach unten korrigiert. Selbstverständlich führt das bei Investoren sofort zur Frage, wann der richtige Zeitpunkt zum Kauf oder Verkauf einer Uhr ist.

Dieses Handeln ist natürlich nicht illegal und man kann darüber geteilter Meinung sein. Dennoch wird das Investment-Thema sehr wahrscheinlich immer ein Bestandteil des Marktes bleiben – genauso wie es beim Sammeln seltener Autos oder Briefmarken der Fall ist.

Erlebte in der Vergangenheit eine extreme Wertsteigerung – Rolex Oyster Perpetual türkisblau

Pascal: „Uhren sind dafür gemacht, uns lange Zeit zu begleiten.“

Der nächste Dopamin-Kick ist nur ein Mausklick entfernt. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir Dinge, die uns langweilen oder Dinge, die wir nicht mehr häufig nutzen, schnell loswerden (können). Das „Loswerden“, der Verkauf, kann binnen weniger Minuten über die Bühne gehen. Wir springen von einem (Kauf-)Erlebnis zum Nächsten. Somit schaffen wir es nicht, den Gegenständen, den „Tools“, die wir uns einmal aus einem oder mehreren Gründen angeschafft haben, eine tiefere Bedeutung zu verleihen oder gar eine Verbindung zu diesen herzustellen.

Dabei sind gerade Uhren dafür gemacht, für lange Zeit an unserer Seite zu sein. Welche Technik ist heute schon für die Ewigkeit gemacht?

Deshalb plädiere ich dafür, dass wir selbst Uhren, die wir nicht mehr häufig tragen, in unserer Kollektion behalten. Nicht nach dem dekadenten Motto: „Haben ist besser als brauchen“, sondern, weil wir eine Uhr (hoffentlich) aus bestimmten Gründen gekauft haben, an welche wir uns aktiv versuchen sollten zu erinnern, wenn wir einmal mit dem teuflischen Gedanken spielen, eine Uhr unüberlegt verkaufen zu wollen.

Rolex 1603
Rolex 1603

Es gibt einige gute Gründe, weshalb es ehrenwert ist, eine Uhr aus einem anderen Grund als der effektiven Zeit am Handgelenk zu behalten. Diese wären:

1. Wir haben uns die Uhr zu einem bestimmten Anlass oder einer bestimmten Emotion gekauft.

Eine Uhr, die man sich durch eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung hart erarbeitet hat, ist mehr als ein Luxusgegenstand. Die damit verbundene Emotion ist nicht austauschbar und direkt mit der Uhr verbunden. Dieses Gefühl sollte man gerade in Zeiten von Selbstzweifeln hochhalten. Kaum ein anderer Gegenstand ist dafür so gut geeignet wie eine mechanische Luxusuhr, deren „Kerncharakter“ es ist, die Zeit zu überdauern und Geschichten zu sammeln. Was nicht gleichzeitig heißen soll, dass man nicht auch ohne Luxusuhr auf etwas in seinem Leben stolz sein darf und kann.

Audemars Piguet Royal Oak 37mm
Audemars Piguet Royal Oak 37mm
 

2. Eine kluge Investment-Entscheidung

Genug der Uhren-Romantik – jetzt werden einige von Ihnen sicher mit den Augen rollen, aber auch eine kluge oder glückliche Investment-Entscheidung ist für mich ein Grund, dass ich eine Uhr in einem Portfolio behalte. Denn der Wert einer Uhr bemisst sich nicht zwingend an den Tagen, an denen die Uhr effektiv Ihren Job als Zeitmesser am Handgelenk nachkommen durfte. Als ich vor einigen Jahren die Chance hatte, eine heute sehr beliebte Uhr unter Listenpreis zu kaufen, war mir bereits klar, dass ich diese aufgrund Ihrer Beschaffenheit nicht jeden Tag tragen werde. Nach der Logik „If you don’t wear ‚em, share ‚em“ müsste ich diese Uhr verkaufen. Aufgrund der positiven Wertentwicklung gibt mir der Besitz dieser Uhr eine gewisse Sicherheit. Zudem freue ich mich darüber, dass meine intensive Recherche und der Ehrgeiz, der diesem Uhrenkauf vorangestellt war, Früchte getragen haben. Das ist nicht verwerflich, oder etwa doch?

Rolex Submariner 14060
Rolex Submariner 14060

3. Alle guten Dinge brauchen Zeit

Der finale Grund, den ich heute anführen möchte ist, dass wir Dingen in unserem Leben manchmal nur etwas mehr Zeit geben sollten. Aus einer Emotion heraus handeln ist meist die leichtere, aber langfristig häufig nicht die beste Entscheidung. Ich habe selbst den Fehler gemacht, dass ich eine Uhr, die ich mir aufgrund ihrer Historie und ihres Stils gekauft hatte, wegen (im Vergleich zu anderen Uhren) weniger „wrist time“ zu schnell und zu günstig wieder verkauft habe. Heute bereue ich diesen Verkauf. Nicht wegen der Wertsteigerung, sondern weil sich mein Stil, meine Hobbys, Reiseziele etc. so geändert haben, dass diese Uhr nun sehr oft an meinem Handgelenk wäre. Hätte ich etwas mehr auf meine damalige Kaufentscheidung und mein Bauchgefühl gehört und etwas Geduld mitgebracht, dann hätte ich erkannt, dass man auch in eine Uhr und deren Kosmos (Einsatzmöglichkeiten, Stil, Image) hineinwachsen kann. Das Warten hätte sich gelohnt!


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